FASHION, BEAUTY AND CULTURE ON KITTENHEELS

Annie`s World

Auf dem Bild ist Fuchs als morbide Puppenfigur zu sehen. In den Händen hält er ein kleines, weißes Kaninchen. Beide Charaktere stammen von der Textilkünstlerin Annie Montgomerie.

Willkommen in der fantastischen Welt von Textilkünstlerin Annie Montgomerie, wo sich Fuchs und Hase mit leicht morbidem Charme auf besondere Art und Weise gute Nacht sagen. Wer mich und meine Posts verfolgt, weiß wie sehr ich ihre kleinen, creepy Charaktere verehre. Daher freut es mich umso mehr, dass ich die Britin für das folgende feline Interview gewinnen konnte! (For the english version, please scroll downwards. It starts after the 6th picture.)

P: Annie, ich bin ein großer Fan deiner ungewöhnlichen Textil-Kunstwerke und bewundere deine Arbeit und Kreativität. Alle deine kleinen Skulpturen scheinen eine Seele zu haben. Als ich das Maki-Mädchen Betsy Cropper mit den vielen charismatischen Details das erste Mal sah und den folgenden Text von Dir dazu las: „Betsy Cropper, also not invited to the party but don’t care and goes anyway,“ war ich tief bis auf das Miezenmark berührt!

P: Du hast Steinmetzarbeiten, Kunst und Design und Silberschmieden studiert, bevor du deine Liebe zum Nähen entdeckt hast. Wie kamst du auf die Idee, Textilkünstlerin zu werden?

A: Ich habe damals Teile einer alten Steppdecke in einem Trödelladen gekauft. Daraufhin entwickelte sich die Liebe für Stoffe. Ich bastelte Puppen, nur damit ich dann Klamotten für sie machen konnte. Meine Wahl fiel dabei immer auf Materialien mit Gebrauchsspuren, wie zum Beispiel Flecken oder verblassten Stellen, die über die Jahre entstanden waren. Schließlich wurden es immer mehr Puppen, und so fing alles an…

P: Erzähl mir von deiner Kindheit – gab es bestimmte Filme, Bücher oder Erlebnisse, die deine Passion evt. unterbewusst beeinflusst haben?

A: Als ich ein kleines Mädchen war, schaute ich ziemlich viele Schwarz-Weiß-Filme mit Tanzszenen. Gene Kelly war mein Favorit! Außerdem liebte ich damals wie heute Ballett. Mit den Jahren spielte Musik dann eine immer größere Rolle in meinem Leben. Meine Lieblingsband ist Sigur Rós. Wenn ich Inspiration brauche, höre ich deren Tracks.

P: Hast du für gewöhnlich zuerst eine Idee im Kopf und suchst dann das passende Material aus, oder kommt die Idee zum Kunstwerk erst, wenn dich ein bestimmtes Material dazu inspiriert?

A: Die Idee zur Skulptur kommt zuerst. Erst dann entscheide ich, wie ich sie entsprechend ihrer Geschichte und Persönlichkeit kleide.

P: Obwohl manche deiner Kunstwerke einen “menschlichen Unterkörper” besitzen, konzentrierst du dich hauptsächlich auf Tierwesen. Woher kommt dieses Faible für Tiere?

A: Ich hatte immer schon ein Herz für sie. Seit ich 14 bin, bin ich Vegetarierin. In meinem Kopf sind Tiere wie kleine Kinder und ich versuche oft, eigene Kindheitserinnerungen in die Gesichter meiner Tierskulpturen einzubringen.

P: Was geht dir während des Arbeitens durch den Kopf? Erfindet deine Phantasie automatisch eine Geschichte zu jedem Charakter?

A: Ja, während ich an den Stücken arbeite, werden sie lebendig und ich denke mir automatisch Geschichten und Lebensumstände für sie aus. Oftmals denke ich zum Beispiel an Klassenräume, Kindergeburtstage oder spielende Kinder auf der Straße.

P: Du benutzt ausschließlich recyceltes Second-Hand-Material für deine Figuren. Wo wirst du fündig? Ist Nachhaltigkeit ein Thema, das dir sehr am Herzen liegt?

A: Mich faszinierte von Anfang an vor allem, wie altes Material aussieht und sich anfühlt. Ich suche nach Stoffen, alten Puppen und Kleidung, Schmuckstücken und Knöpfen. Dabei werde ich entweder auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops fündig, oder ich hebe sogar weggeworfene Dinge vom Boden auf. Außerdem bin ich so glücklich, Freunde zu haben, die mir immer wieder Sachen geben, von denen sie denken, ich könnte sie gebrauchen. Ich vermeide es, Neues zu kaufen, weil es sich im Kontext mit meiner Arbeit nicht richtig anfühlt.

P: Dass du jedem deiner Wesen einen Namen gibst, vermittelt etwas sehr Persönliches. Wie schwer fällt es dir, sie zu verkaufen, nachdem du so viel Liebe und Zeit in sie investiert hast?

A: Es gibt natürlich immer bestimmte Werke, von denen ich mich schwer trennen kann. Deshalb mache ich immer ganze Kollektionen und verkaufe sie als solche, damit ich sie noch ein bisschen länger um mich habe.

P: Wie lange brauchst du in der Regel für eine Skulptur und wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

A: Ungefähr zwei Wochen, aber so genau kann ich das gar nicht sagen, weil ich nicht immer nur ausschließlich an einem Stück arbeite. Ich fange immer mit dem Kopf an und orientiere mich für den Rest des Körpers daran.

P: Deine Kreaturen wirken auf mich ziemlich traurig, einsam und verstört. Welche drei Adjektive kommen dir in den Kopf, wenn du an deren Ästhetik denkst?

A: Bittersüß. Emotional. Reflektierend.

P: Du sagtest einmal, deine Werke sind wie eine freundlichere Version ausgestopfter Tiere. Taxidermie/Tierpräparation ist ein umstrittenes Thema. Wie stehst du dazu?

A: Ich besitze ein paar alte Tierpräparate und ich finde es nicht falsch, vintage Stücke zu kaufen. Ich würde mir zwar keine neuen kaufen, empfinde es aber als nicht verwerflich, solange das Tier nicht extra zu diesem Zweck getötet wurde.

P: Wenn du deine Arbeiten in einem bestimmten Museum ausstellen könntest, wo wäre das und wieso?

A: Am liebsten im The Victoria and Albert Museum. Es wäre aufregend, meine Kreaturen in einer solch schönen Umgebung zu sehen. Vor allem in schwachem Licht, sodass sie irgendwie verunsichernd wirken würden.

P: Nimmst du auch gezielte Aufträge an? Falls ja, welcher war dein ungewöhnlichster?

A: Nein, das mache ich prinzipiell nicht. Ich arbeite immer nur an dem, was mir gerade in den Kopf kommt und wofür mich die Muse küsst.

P: Welcher ist dein Lieblingscharakter und was ist so besonders an ihm?

A: Die Tiere, die ich am liebsten mache, sind Lämmer. Ich glaube, das liegt an deren religiöser Ästhetik. Ich bin zwar nicht gläubig, war aber auf einer Klosterschule in einem alten Gebäude voller religiöser Statuen. Lämmer werden oft mit Kindern verglichen, wahrscheinlich fühle ich mich deshalb so zu ihnen hingezogen.

P: Beim Betrachten deiner Kreaturen fällt auf, dass du viel Liebe ins Detail steckst. Spielt „Mode“ für dich selbst eine Rolle und wie wichtig ist sie für deine Charaktere?

A: Es gibt bestimmte Mode-Äras, die sich in der Kleidung meiner Skulpturen wiederspiegeln. Weil die meisten kindlich sind, mag ich die Designs der 50er- bis 70er-Jahre-Kinderkleidung. Latzhosen und Schürzen liebe ich sowieso. Meinen eigenen Kleidungsstil würde ich als einen Mix aus Vintage und Modern bezeichnen.

P: Arbeitest du in einem Atelier? Bitte beschreibe die Umgebung deines Arbeitsplatzes.

A: Ich arbeite zu Hause in meiner Küche. Die ist ziemlich groß und beinhaltet alle meine Kollektionen und Vintagestücke oder Kunst, die mich inspiriert. Ich habe einen Arbeitstisch und Schränke voller Stoffe. Außerdem habe ich immer einen Teekessel in der Nähe, sodass ich Unmengen an Tee trinken kann, während ich arbeite.

P: Wie sah dein erster Charakter aus?

A: Mein erstes tierisches Wesen war eine Schweinchen-Büste für die Wand, die ich aus einer Vintage Decke von Harrods gemacht habe.

P: Wie viele (Tier-)Puppen hast du bisher gemacht?

A: Das kann ich schon gar nicht mehr zählen. Es müssten ein paar wenige Hundert sein.

P: Wenn du für einen Tag lang einer deiner Charaktere sein könntest, welcher wäre das und wieso?

A: Ich wäre eine Eule. So könnte ich die ganze Nacht durch die Wälder fliegen. Ich bezweifle aber, dass ich gerne Mäuse verspeisen würde.

P: Meow und merci, Annie Montgomerie!

 

English Version:

Annie, I am in love with all of your extraordinary textile creatures and a great admirer of your creativity and work. Your little sculptures seem to have a soul. When I saw Betsy Cropper for the first time I was so touched that it brought tears to my eyes. And usually I’m not a blubberer!

You originally studied stone carving, art and design and silversmithing – and then you fell in love with stitching. How did the idea for your textile art arise?

A: My love for textiles started with a couple of antique quilt scraps I bought from a junk shop. I made dolls just so I could make clothing for them with luscious old patina, stains and fading it had acquired over the years. I then started making more dolls and it just went from there.

How about your childhood – were there any movies, books or special events that triggered your passion for your vocation?

A: When I was a child I would spend quite a lot of time watching black and white films with dancing in it – Gene Kelly was my favourite. I loved (and still do) watching ballet. As I got older music has always been very important to me. My favourite band is Sigur Rós, if ever I need inspiration for my work I listen to them

Do you usually have an idea in mind before you pick out the aptly material, or does the material inspire you to create a certain piece of work?

A: I think of a piece first and then dress them accordingly to their story and personality.

You solely use upcycled second hand material for your figures. Where do you find it? Is sustainability something you are vigilant about?

A: I was initially drawn to old textiles because of the way it looks and feels. I look for textiles, old dolls and clothes, trinkets, jewellery and buttons at flea markets, second-hand shops and even pick stuff up from the ground. I am also lucky enough to have friends who give me things they think I can use. I try not to buy anything brand new as it doesn’t seem to look right in my work.

Although you sometimes use “human” doll bodies as the lower part of your sculptures, your focus definitely lies on animals. What’s the animal fascination all about?

A: I’ve always been an animal lover, I have been vegetarian since I was 14. I like the thought of animals being children and I often try to convey my childhood feelings into my animal faces.

What is going through your head while working on the pieces? Does your mind automatically build a story around it?

A: Yes, as I work my pieces come to life and I naturally think up stories and circumstances for them. I often like the theme of classrooms, children’s birthday parties and gangs of children playing together in the streets.

What’s the average time span that you need for one piece of art and how does the typical work progress look like?

A: It usually takes me around two weeks to make a piece, it’s hard to estimate really as I don’t sit down solidly working on one piece. I always start by sculpting the head and work from there.

You give every character that you created a name, which seems very personal. How hard is it to sell them once you’ve put so much time and love into making them?

A: Naturally I have certain pieces that I’m sad to see go. I think that is why I like to make a collection rather than selling one at a time as then I can have them stay with me for a little while.

To me, your creatures are looking very sad, lonely and haggard. Name three adjectives that instantly come to your mind when thinking about the aesthetic of your artwork.

A: Bittersweet. Emotional. Reflective.

Tell me about your favourite character that you have ever created and what’s so special about it.

A: My favourite animals to make are always lambs. I think it’s because of the religious aesthetic it has. I’m not religious but had a convent education in a large old building full of religious statues. Lambs are often compared to children and maybe this is why I’m drawn to it.

Once you said your work looks like a friendlier version of taxidermy trophies. As taxidermy being a controversial topic, what are your thoughts on it?

A: I own some taxidermy pieces, they are pretty old and I don’t feel it’s wrong to buy vintage ones. New taxidermy? As long as the animal wasn’t killed just to be stuffed I don’t mind although I don’t buy new taxidermy pieces.

If there was one place/museum where you could exhibit your artwork, where would it be and why?

A: I would love to display my work in The Victoria and Albert Museum. I would be thrilled to see it in such beautiful surroundings in a low light so it was slightly unnerving.

Do you work on commission at all? If so, what was the most unusual order a client has ever made?

A: I don’t do commissions, as I prefer to make whatever is in my head and find inspiring at the time.

I noticed an obsession with detail regarding your characters. How important is “fashion” for you as a person and what does it mean for your characters?

A: There are certain eras of fashion I think sway what I dress my pieces in. As most of my figures are child based I love 50s to 70s children’s clothes design. Dungarees and pinafores are a staple obsession. I tend to dress myself in a mix of modern and vintage.

Do you work in an atelier? Please describe the surrounding of your working place.

A: I work at home in my kitchen, it’s quite a big kitchen but it’s full of all my collections of vintage things and artwork that inspires me. I have a work table and cupboards stuffed with fabric for my work. I like to have the kettle close by for copious amounts of tea drinking.

What was the first character you designed?

A: The first animal piece I made was a piglet bust for the wall made with a vintage, pink blanket from Harrods.

How many characters did you create so far?

A: I’ve lost count of how many pieces I’ve made; it’s got to be in the low hundreds…

If you could be one of your characters for one day, who would it be and why?

A: I would be an owl so I could fly around the woods at night, don’t think I fancy mice for my dinner though.

© Header: In the woods: Fox and Bunny Mulk — 2016, Photo: Annie Montgomerie


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