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Mädels in da House

Mädels in da House

100 Jahre Bauhaus und die weiblichen Vertreterinnen des selbigen stehen noch immer im Schatten ihrer männlichen Kollegen – wie Walter Gropius, Paul Klee oder Wassily Kandinsky. Eigentlich unmöglich. Das findet der Taschen-Verlag auch und zollt ihnen mit dem Buch „Bauhausmädels. A Tribute to Pioneering Women Artists“ nun ein angemessenes Tribut.

Mit der Gründung der progressiven Kunstschule im Jahr 1919 legte Gropius den Grundstein für die Revolution des deutschen Designs. Er träumte für das Staatliche Bauhaus in Weimar nicht nur von wegweisender Innovation im künstlerischen Sinne, sondern ebenso von einer neuen Gesellschaft mit absoluter Gleichberechtigung der Geschlechter. Vielleicht war es auch diese verlockende, neue Vision, die zu Beginn mehr Mädels als Jungs zum Studieren in die Provinz zog.

Judit Kárász (attrib.): “The evil spirit”, Doppelbelichtung von Otti Berger mit der Fassade des Atelierhauses, Dessau, 1931/32
Copyright: © Géza Pártay / Photo © Bauhaus-Archiv, Berlin

Wunschvorstellung und Realität werden leider selten beste Freunde. So ruderte Gropius nur ein Jahr später zurück, da ihm der weibliche Anteil an den Studierenden zu groß wurde. In einer Gesellschaft, in der Frauen lediglich Eigenschaften wie Demut, Fleiß und Empathie zugeordnet wurden, bangte er um den hart erarbeiteten, ernstzunehmenden Ruf der Schule. Immerhin war das Geniedasein bis dato immer männlich konnotiert. Hinzukam, dass sich der ein oder andere Herr am Bauhaus wohl von all der weiblichen, kreativen Triebkraft bedroht gefühlt haben mochte. Ruckzuck wurden die Mädels in die Textilwerkstätten abgeschoben. Fortan sollte das sogenannte weibliche Element am Bauhaus höchstens ein Drittel der Plätze beanspruchen.

Dieses eine Drittel bestand jedoch aus Pionierinnen der Moderne, die den Stil des Bauhauses maßgeblich mitgeprägt haben. Natürlich ließen sich diese kreativen Geister nicht lange in nur einem Fach unter Verschluss halten und so eroberten sie sich nach und nach sämtliche Fachbereiche, darunter auch die männlichen Domänen Architektur, Bildhauerei und Industriedesign. Diese jungen Frauen wie Marianne Brandt und Otti Berger haben mit ihrer Kunst Designgeschichte geschrieben und verkörperten mit ihrem Wesen eine neue Art von Frau, die der Prototyp für ein komplett neues Frauenbild in der Weimarer Republik wurde.

Karl Hubbuch: Hilde Hubbuch in dem Haus der Rheinischen Heimat, Köln, 1928
Copyright: © Karl-Hubbuch-Stiftung, Freiburg / Photo © Münchner Stadtmuseum, Sammlung
Fotografie

Außerdem entwickelte sich die sogenannte „Frauenklasse“ in den Textilwerkstätten schnell zu einer der ertragsreichsten Bereiche der Weimarer Schule. Die Mädels hatten keinesfalls Interesse an klassischen, traditionellen Webmustern, sondern erfanden das Handwerk in ihrem Sinne neu. Ihre Experimente aus Materialien, Farbe und Form wurden zu den Verkaufsschlagern des Bauhauses. Doch selbst dieser enorme Erfolg brachte ihnen bei den männlichen Kommilitonen weder Ansehen noch Respekt ein. Die Klasse wurde öffentlich immer an letzter Stelle genannt, da sie nicht zum Aushängeschild der renommierten Schule werden sollte.

T. Lux Feininger: Die Weberinnen auf den Stufen des Bauhauses in Dessau, um 1927
Copyright: © Estate of T. Lux Feininger / Photo© Bauhaus-Archiv, Berlin

Das bekam besonders die talentierte Gunta Stölzl zu spüren, die sich durch ihr Schaffen in der „Frauenklasse“ deutlich hervortat. 1927 erreichte sie, was keiner anderen Bauhauslerin je gelingen sollte: Sie wurde die erste weibliche Lehrkraft des Instituts. Ihre Ernennung war jedoch keine Anordnung oder gar Ehrung des Meisterrates. Es waren die Studentinnen, die Stölzl eigenständig als Lehrerin wählten. Stolz strich die damals 30-jährige die Bezeichnung ‚Studierende’ aus ihrem Hochschulausweis und ersetzte sie durch ‚Meister’. Diese „Revolution von unten“ wurde zwar gebilligt, doch zeitlebens sollte Gunta Stölzl nie zu den gleichen finanziellen und persönlichen Konditionen arbeiten, wie ihre männliche Kollegen es taten.

Guntas Geschichte hat mich besonders betroffen gemacht, denn schließlich sind Themen wie „Paygap“ und „Frauenquote“ hochaktuell. Selbst in unserer aufgeklärten Welt kämpfen wir Frauen noch mit ähnlichen Problemen wie die Bauhausmädels vor hundert Jahren. Diese Vorreiterinnen haben sich nicht unterkriegen lassen, sondern zusammengehalten und Neues geschaffen. So sind ihre „Girl Power“, ihre wahnsinnig innovativen Entwürfe und ihre Willensstärke Vorbild und Inspiration zugleich.

Bauhausmädels
von Patrick Rössler,
In Leinen gebunden, 17 x 24 cm, 480 Seiten, 30 Euro,
erschienen im Taschen Verlag.

„Bauhausmädels. A Tribute to Pioneering Women Artists“ porträtiert mit knapp 400 Fotos 87 Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen der berühmten Schule. Das Werk der wenigen prominenten Bauhaus-Frauen wie Lucia Moholy, Gertrud Arndt und Marianne Brandt, deren progressive Entwürfe für Leuchten und andere Designobjekte noch heute von Alessi verwendet werden, wurde durch neue archivarische Funde vervollständigt.

Ich kann dieses Buch nicht nur den bekennenden Kunstliebhabern unter euch empfehlen, sondern jeder, die stolz darauf ist, eine Frau zu sein. Female Empowerment ist keine Neuerfindung, sondern eine Lebenseinstellung: Love yourself, embrace yourself und wenn es sein muss – fahrt eure Krallen aus!


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